Faltern

Aktualisiert: 9. Nov 2020

Ein Kunstwort - soeben kreiert. Es setzt sich zusammen aus Falten und Alter, denn das passt ja gut zusammen. Wie komme ich darauf? Gemütlich bei einer Tasse Kaffee sitzend blättere ich in einer Zeitschrift, die ich eigentlich sehr schätze. Vorne verspricht sie Beauty 50 plus. Ich bin 58 Jahre jung und fühle mich (noch) angesprochen. Dann allerdings – ich ahne es schon - nimmt das Elend seinen Lauf. Kein Model ist über 40. Mit der besten Brille nicht. Schlimmer wird es dann, wenn ich im Heft Tipps zum jung bleiben lese (natürlich mit Superfood) und mir mit Face-Yoga das Ende meiner Falten versprochen wird.


Die Produktpalette für unsere Altersgruppe liest sich vielversprechend. Als erstes lese ich beim Zaubermittel Concealerer, deckt Fältchen ab. Faldam suam evanescet würde ein gewisser Herr Potter sagen während er den Zauberstab schwingt. Ich muss lachen und frage mich, ob dieses Lachen schon Face-Yoga ist. Weiter geht’s mit der Grundierungsbeschreibung einer bestimmten Firma, die sich unter keinen Umständen in den Fältchen absetzt. Aber die sind doch jetzt eh abgedeckt? Der Lippenstift glättet die Lippenfältchen. Optisch natürlich, lese ich. Wer soll das verstehen? Das Rouge verschmilzt mit der Haut und der Augenbrauenstift bietet mehr optische Fülle. Schon beim Lesen fühle ich mich - dem Make-up durchaus gewogen - wie ein renovierungsbedürftiger Altbau. Jetzt tausche ich den Kaffee gegen einen Prosecco, denn ich halte es kaum noch aus. Soll ich jetzt jung sein oder nur so aussehen? Wie soll ich mich denn dann fühlen? So als Baustelle. Die Rettung naht. Ein Best-Ager-Model, verspricht, dass sie dicht hält. Richtig liebe Leserin, es geht um Blasenschwäche. Immerhin trägt sie dabei ihre Haare im angesagten erdbeerblond und eine Lederjacke im Bikerstil lässig um die Schultern. Hilfe, der Prosecco ist leer.


So und dann finde ich sie doch noch. Maria, 86 Jahre ohne Rouge, das verschmilzt, ohne Lippen- und Augenbrauenstift. Sie schmiegt sich an ihre Enkelin, denn es geht um ihrer beider Beziehung. Sie strahlt und sieht sehr glücklich aus. Schöne Story, ich bin versöhnt.


Also liebe Enkel und Enkelinnen, dann zeigt eurer Oma mal, wie toll sie ist, dass sie die Hände lieber weglassen soll, wenn es um Rouge geht, denn das kann ganz schön bunt ausgehen. Es gibt einen Spruch, ich weiß nicht von wem, der geht in etwa so: Wer nicht alt werden will, muss jung sterben. Ach so. Das ist natürlich keine Alternative. Und jetzt (hicks) sage ich Euch mal was: Ich mag mein Gesicht und ab jetzt werde ich FALTERN. Das hat sowas vielversprechendes, albernes. Der Schmetterling klingt da irgendwie mit, der sich auch sozusagen entfaltet hat. Ohne Cremes und Gedöhns und ohne Rouge. Ja und dann heißt das Wort plötzlich Entfaltern und es lauert der Concealer …